Eisschmelze in der Antarktis

Eisschmelze in der Antarktis

Was wir jetzt verlieren, ist für immer verloren“
Quelle: Spiegel.

Es geht langsam los – und hört für Jahrhunderte nicht auf: Neue Simulationen zeigen, wie massiv die Eisschmelze der Antarktis den Planeten ändert. Helfen würde nur eine Maßnahme.
„Auf einmal“, sagt Ricarda Winkelmann, „wurde es dunkel vor dem Kabinenfenster.“ Im Dezember 2010 war das, der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ hatte gerade die Schelfeiskante in der Atka-Bucht der Antarktis erreicht. Die Expedition „ANT-XXVII/2“ hatte dort festgemacht, um die Forschungsstation „Neumayer III“ zu versorgen. Es war das erste Mal, dass die junge Forscherin den Südkontinent mit eigenen Augen sah

Nach langem Manövrieren hatte die Besatzung eine Stelle gefunden, an der das Eis nur 20 Meter aus dem Wasser ragte, dort ließen sich Personal und Versorgungsgüter absetzen. „Wenn man bedenkt, dass vom Schelfeis nur ein Zehntel oberhalb des Wasserspiegels zu sehen ist, bekommt man eine Ahnung von den Dimensionen der Antarktis“, sagt Winkelmann.

Ein kleiner Teil des Eises der Antarktis schwimmt als Schelfeis auf dem Ozean, der größere Teil liegt im Inneren des Kontinents als bis zu 4800 Meter dickes Paket auf festem Untergrund – seit mehr als 30 Millionen Jahren. Das Eis des Südkontinents speichert mehr als die Hälfe des Süßwassers der Erde. Würde es komplett tauen, würde der weltweite Meeresspiegel um etwa 58 Meter steigen. Das wäre freilich ein sehr langfristiges Extremszenario, das – hoffentlich – nicht eintreten wird.
Und doch könnte die Antarktis einige Überraschungen für die Menschheit bereithalten. Zusammen mit Kollegen rechnet Winkelmann im Fachmagazin „Science“ vor, wie stark das Eis bei bestimmten Temperaturerhöhungen abschmelzen und zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen dürfte. „Es gibt in der Antarktis eine ganze Reihe von selbstverstärkenden Effekten“, warnt Winkelmann im Gespräch mit dem SPIEGEL.
Bei einer Erwärmung um zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, so die Simulationen, dürften größere Teile des Westantarktischen Eisschildes kollabieren. Das liegt an warmem Wasser im Ozean, das die Schelfeisbereiche von unten angreift. Dadurch kommen auch die Gletscher an Land ins Rutschen, die dadurch verstärkt große Eismengen ins Meer befördern – wo diese wiederum schmelzen.

Beschleunigende Prozesse

„Besonders das 2-Grad-Szenario zeigt, wie dramatisch der Meeresspiegel bei dieser Erwärmung ansteigen kann“, bestätigt auch Thomas Ronge vom Alfred Wegener Institut (AWI), der nicht an der Studie beteiligt war. „Zweieinhalb Meter Meeresspiegelanstieg allein durch die Antarktis, das ist enorm.“

Bei einem Plus von vier Grad wären dann auch marine Gebiete im Osten des Kontinents vom Eisverlust betroffen, warnt Winkelmann. Das würde langfristig zu einem Pegelanstieg von etwa 6,5 Metern weltweit führen. Bei sechs Grad Erwärmung läge das Plus dann bei etwa 12 Metern: Zu diesem Zeitpunkt kämen zusätzlich beschleunigende Prozesse an der Oberfläche des Eisschildes hinzu.

Diesen Effekt kennt man bisher nur aus Grönland, im Fall der Antarktis stand er noch nicht im öffentlichen Fokus. Verkürzt gesagt, so Winkelmann, würde sich ein Teufelskreis ergeben: Wenn das Eis durch Abschmelzen an der Oberfläche in tiefere Lagen gerate, käme es mit wärmeren Luftschichten in Kontakt. Man spüre, so beschreibt es die Forscherin, den Effekt auch beim Bergwandern. Wenn man absteige, werde es auch da immer wärmer. So sei es auch in der Antarktis. Dadurch, dass die Eisoberfläche immer weiter absinke, schmelze sie noch mehr – und so weiter.

Anstieg hat sich seit 2006 verzehnfacht

Winkelmann und ihre Kollegen machen bewusst keine Aussagen dazu, wie lange das Abschmelzen einer bestimmten antarktischen Region dauern würde. Klar ist: Auch wenn der Prozess möglicherweise viele hundert Jahre dauert – die entsprechende Menge an CO2 in der Atmosphäre, die letztlich diesen Eisverlust auslöst, könnten wir schon in naher Zukunft erreichen. Wichtig ist den Forschern ein Punkt: „Wir zeigen, dass bestimmte Prozesse irgendwann nicht mehr umkehrbar sind“, sagt Winkelmann. Ist ein Kipppunkt erst einmal erreicht, schmilzt das Eis unaufhaltsam. „Was wir von der Antarktis jetzt verlieren, ist für immer verloren“, sagt auch Co-Autor Anders Levermann.

Trotzdem sei es wichtig, wie viel Treibhausgas die Menschheit noch ausstoße, erklärt seine Kollegin Winkelmann. „Letztlich entscheidet die weitere Erwärmung darüber, wie schnell der Meeresspiegel steigt.“ Aktuell lässt die Antarktis den Wasserstand um etwa einen halben Millimeter pro Jahr zulegen. Das scheint einerseits nicht viel. Andererseits hat sich der Wert seit 2006 bereits verzehnfacht.

Derweil steuert die Welt auf den höchsten CO2-Wert in der Luft seit 3,3 Millionen Jahren zu. Schon Mitte des Jahrhunderts dürfte die Marke erreicht sein. Dazu kommt: Ein Team um Thomas Slater von der University of Leeds warnte erst kürzlich im Fachmagazin „Nature Climate Change“, dass die Eisschilde Grönlands und der Antarktis derzeit so viel Eis verlieren, wie es nur die schlimmsten Klimaszenarien überhaupt vorhersagen.
Quelle Spiegel

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